Warum wir uns oft selbst im Weg stehen

    Das kann doch wohl nicht wahr sein. So etwas gibt´s doch nicht. Es ist einfach zum Mäusemelken. Es ist Mittwoch, 6:45h und die Sonne scheint durch mein Bürofenster. Ich sitze an meinem Schreibtisch, habe den Rechner vor mir und starre auf die immer noch leere, weiße Fläche meines Bildschirms. Seit fast einer Stunde geht das nun so. Mein bisheriges Ergebnis: 2 Kaffee, 3 SMS und 5 beantwortete Mails – aber nicht ein Satz für meinen ersten Blogartikel. Und wenn das so weiter geht, scheint sich daran heute auch nicht mehr viel zu ändern. Ich seufze genervt, gehe in die Küche und versorge meinen Koffeinspiegel mit dem 3. Kaffee für heute.

    Gestern Abend hatte ich kurzerhand beschlossen, heute meinen ersten Blogartikel zu schreiben. Das war irgendwie aufregend. MEIN erster Blogartikel in Netz. Und obwohl ich mich wirklich darauf gefreut hatte, endlich loszulegen, kam einfach … nichts. Rein gar nichts. Gähnende Leere war alles, was mein digitales Blatt Papier bisher schmückte. Was ist denn nur los mit mir? Eigentlich fühlte ich mich bestens vorbereitet: Ich hatte mir ein Zeitfenster freigeschaufelt, mir ein Thema samt Struktur überlegt, war früh ins Bett gegangen und freute mich nun, den Artikel zu schreiben. Wenn es also weder an der nötigen Zeit, noch an der Vorbereitung und auch nicht an der Motivation liegt, dass ich nicht vorankomme… woran dann?

    Wenn Vertrauen fehlt

    Die Antwort wird Sie vielleicht überraschen. Denn: Es liegt an meinem Vertrauen. Nur noch mal fürs Protokoll: Ich traue mich, meinen Job zu kündigen, alleine um die Welt zu reisen und am Ende darüber ein Buch zu schreiben. Und dann habe ich allen Ernstes ein Vertrauensproblem beim Schreiben eines simplen Blogbeitrags? Ja, richtig. Genauso ist es!

    Aber was genau ist mein Problem? Warum sitze ich wie versteinert vorm Bildschirm und starre auf die Tastatur? Warum habe ich die leise, wenn auch unrealistische Hoffnung, dass sich der Text ganz von allein schreibt? Weil ich Angst habe. Genauer gesagt, weil es mir gerade jetzt an Vertrauen fehlt. Vertrauen darin, dass ich das ultimative Thema finde, auf das die Welt nur gewartet hat. Vertrauen darin, das Sie interessiert, worüber ich schreibe. Und Vertrauen darin, dass Ihnen mein Schreibstil gefällt.

    Was mich also hemmt? Nicht etwa ein Mangel an Ideen, Zeit und Motivation. Meine Ideen häufen sich, Zeit habe ich eingeplant und Motivation ist vorhanden. Aber was bremst mich dann? Es ist einzig und allein mein eigener Anspruch. Mein Anspruch perfekt sein zu wollen. Dass ich das ich das nicht bin und niemals sein werde, ist mir völlig klar. Und das auch nicht erst seit gestern. Aber wenn ich schon nicht perfekt bin, dann sollte es zumindest mein erster Blogeintrag sein. Nachvollziehbar, oder?! Und deshalb sitze ich nach über einer Stunde immer noch wie ein Fuchs vor dem Kaninchenloch. Zwar ohne ein Wort geschrieben zu haben, dafür aber mit einem hohen eigenen Anspruch. Na super! Dabei ist das, was ich mir in diesem Moment wünsche doch wohl wirklich nicht zu viel verlangt. Ich will einfach nur den ultimativen Geistesblitz, der mich aus dieser Situation erlöst. Wie dieser Geistesblitz aussehen soll: Ein Wahnsinnsthema, hervorragend getextet, das meine Leser vom Hocker reist. Etwas ganz Neues, schier Atemberaubendes, völlig Innovatives. Ja, damit wäre ich fürs erste schon mal zufrieden…

    Perfekt ist nicht perfekt

    Nun ist der Anspruch von Perfektionisten ja häufig, etwas ganz besonders gut und fehlerfrei zu machen. Perfekt eben. Dumm nur, wenn ich vor lauter Perfektion gar nicht erst dazu komme, anzufangen. Wenn ich eben nichts auf dem Papier habe, nicht mal etwas, das unperfekt ist. Würde mein Auto-Navis meinen jetzigen Zustand kommentieren, dann würde die Stimme auf dem Off vermutlich so etwas sagen wie „Beep. Beep. Sie haben das Ziel verfehlt. Bitte wenden.“ In einem wären mein Navi und ich uns jedenfalls einig: Mit der Haltung „alles muss perfekt sein“ komme bestimmt nicht ans Ziel – weder heute noch zukünftig. Aber wie dann?

    Woran wir wirklich scheitern

    Da fällt mir ein schönes Zitat ein, das mein Bruder Jan vor einigen Wochen mit mir geteilt hat. Damals war mein Projekt gerade angelaufen, die ersten großen Schritte gemacht und ich völlig mit den Nerven zu Fuß. Gründe dafür gab es viele. Ich hatte meinen Job gekündigt, mit über 30 beschlossen, für die Reisezeit wieder zu meinen Eltern zu ziehen, meine To Dos für das Projekt häuften sich, Die Website war noch im Aufbau, ich hatte bereits über 70 Interviewvideos auszuwerten und die Deadlines für die bevorstehende Buchmesse zerrten an meinen Nerven. Und das war nur die Spitze des Eisbergs.
    Ehrlich gesagt hatte ich damals das Gefühl, mir wächst das gerade alles über den Kopf. Die Organisation, die Reisen, der Umzug, die Auswertungen, die Buchmesse …
    Da stand ich nun, den Tränen nahe und sah vermutlich ziemlich verzweifelt aus. Und dabei lebte ich doch gerade meinen Traum. Irgendwie paradox, fand ich.
    Mein Bruder, der bemerkte, dass ich wirklich kurz davor war, mich in Tränen aufzulösen, nahm Stift und schrieb ein paar Zeilen auf einen Zettel. Dann lächelte er mich milde an, legte seinen Arm um mich und reichte mir das kleine Stück Papier. “Wir scheitern nicht an unseren Herausforderungen, sondern nur an unserem eigenen zu hohen Anspruch”, stand darauf.

    Und er hatte Recht, damals wie heute. Wir scheitern meist nicht an der Sache selbst, sondern an dem, was wir von uns (und anderen) diesbezüglich erwarten. Und genau so war es eben auch mit meinem ersten Blogartikel.

    Vertrauen bedeutet Mut

    Und was genau hat das jetzt mit Vertrauen zu tun? Eine ganze Menge! Denn: Vertrauen bedeutet Mut zu haben, sich verletzlich zu zeigen. Mut, eben nicht perfekt zu sein. Mut sich zu zeigen, mit allen Stärken und Schwächen. Genauso so, wie Sie sind. Das nicht immer einfach ist, ist klar. Dass es sich aber mehr als lohnt, auch. Warum? Zu Vertrauen bringt Leichtigkeit, Entspannung und macht Spaß – und vor allem zufrieden. Glauben Sie nicht? Dann probieren Sie es doch mal. Ich tu´s ja auch. Woran Sie das merken? Sie lesen gerade meinen ersten, nicht perfekten aber authentischen Blogartikel.

    Und, wo werden Sie das nächste Mal ein bisschen mehr von sich zeigen und vertrauen?
    Ich freue mich auf Ihre Kommentare.