Kennen Sie das? Sie schieben schon seit Tagen eine Aufgabe vor sich her. Sie wollen sie endlich abschließen, und treten doch immer noch auf der Stelle? So ging es mir auch beim Schreiben dieses Blogbeitrags. Grund genug, dem Mechanismus dahinter genauer auf den Grund zu gehen: In diesem Beitrag erfahren Sie, warum wir uns beim Erreichen unserer Ziele oft selbst im Weg stehen. Woran wir dabei oft wirklich scheitern. Und mit welcher einfachen Frage es uns gelingt, leichter ins Handeln zu kommen und unsere Ziele schneller zu erreichen.

Wenn der Kopf streikt

Das kann doch wohl nicht wahr sein. So etwas gibt´s doch nicht. Es ist Mittwoch, 7:50 Uhr und die Sonne scheint durch mein Bürofenster. Ich sitze an meinem Schreibtisch und starre auf die leere, weiße Fläche meines Bildschirms. Immer wieder setze ich an, schreibe ein paar Sätze – und löschen sie wieder. Zu banal, zu langweilig, zu dies, zu das. Seit fast einer Stunde geht das nun so. Mein bisheriges Ergebnis: zwei Kaffee, drei E-Mails und einige Sprachnachrichten habe ich versendet – aber nicht ein einziger Satz für meinen ersten Blogartikel geschrieben. Wenn das so weiter geht, wird sich daran heute auch nichts mehr ändern. Ich seufze, klappe den Laptop zu und mache mich auf den Weg in die Küche. Ich werfe ich die Kaffeemaschine an und hoffe, meine Verzweiflung mit einer weiteren Dosis Koffein hinunterzuspülen.

Gestern Abend hatte ich den Entschluss gefasst: Heute stelle ich meinen ersten Blogbeitrag online. Das war irgendwie aufregend. MEIN erster Beitrag in Netz. Obwohl ich mich darauf freute und viele Ideen gesammelt hatte, schaffte ich es  einfach nicht, etwas auf das digitale Papier zu bringen. Mir war, als hätte jemand just in dem Moment, als ich den Laptop aufklappte, einen Schalter umgelegt. Statt der vielen Ideen, die noch kurz davor in meinem Kopf herumschwirrten, herrschte plötzlich gähnende Leere. Was ist denn nur los mit mir?

Was uns wirklich lähmt

Die Antwort wird Sie vielleicht überraschen. Nur noch mal fürs Protokoll: Ich traute mich, meinen Job zu kündigen, allein um die Welt zu reisen, 350 wildfremde Menschen zum Thema „Vertrauen“ zu befragen und ein Buch darüber zu schreiben. Und dann verzweifele ich beim Schreiben eines simplen Blogbeitrags? Tatsächlich. Genauso ist es!
Was aber genau ist mein Problem? Weshalb sitze ich an diesem Morgen wie versteinert vor dem Bildschirm? Und warum bin ich nicht einmal in der Lage, den ersten Absatz zu tippen? Die ehrliche Antwort: Ich habe Angst. Angst davor, nicht genug zu sein: nicht gut genug, nicht kreativ genug, nicht interessant genug, nicht erfahren genug. Und dieses Gefühl des „nicht genug seins“ lässt mich innerlich erstarren. Was mich also hemmt, ist schlicht und einfach mein eigener Anspruch. Der Wunsch perfekt zu sein. Dass ich das ich das nicht bin – und niemals sein werde –, ist mir völlig klar. Und das auch nicht erst seit gestern. Aber wenn ich schon nicht perfekt bin, dann sollte es zumindest mein erster Blogeintrag sein. Nachvollziehbar, oder?!

Warum perfekt nicht gut ist

Das Paradoxon daran: Ich selbst finde perfekte Menschen und auch perfekte Texte meist ziemlich langweilig. Ecken und Kanten, die machen ja gerade oft den Reiz aus. Da wird es häufig gerade besonders interessant. Man sieht genauer hin, denkt darüber nach. Und nicht nur das: Wer nicht perfekt ist, wirkt sogar vertrauenswürdiger. Das wissen wir aus der Vertrauensforschung. Das Ergebnis vieler Studien: Menschen die zu ihren eigenen Macken stehen, die offen damit umgehen und über eigene Fehler lachen können, gewinnen schneller unsere Sympathie. Solche Personen mögen wir. Und bei Ihnen fällt es uns leichter, Vertrauen zu fassen. Es gibt also durchaus gute Gründe, nicht perfekt zu sein. Mein Kopf weiß das, mein Herz ist davon noch nicht ganz überzeugt.

Ich sitze also nach dem dritten Kaffee wieder am Schreibtisch und wünsche mir den ultimativen Geistesblitz. Eine zündende Idee, die  mich aus dieser Situation befreit. Wie diese Idee aussehen soll: Ein Wahnsinnsthema, prägnant, witzig, ehrlich. In spannende, kluge Worte verpackt. So, dass es meine Leser begeistert. Etwas ganz Neues, schier Atemberaubendes, völlig Innovatives. Ja, damit wäre ich fürs Erste schon mal zufrieden. Und genau da liegt mein Problem. Meine Oma sagt immer „Kind, mit perfekt wird nichts fertig.“ Wie recht sie hat. Mal wieder.

Nun ist der Anspruch von Perfektionisten – und Anteile davon schlummern auch in mir –, ja häufig, etwas fehlerfrei zu machen. Perfekt eben. Dumm nur, wenn wir vor lauter Perfektion gar nicht erst dazu kommen, anzufangen. Wenn wir eben nichts fertigbringen, nicht mal etwas Unperfektes. Würde die Navigation unseres Autos diesen Zustand kommentieren, sie würde sagen: „Sie haben das Ziel verfehlt. Bitte wenden.“ In einem wären das Navi und ich uns jedenfalls einig: Mit der Haltung „alles muss perfekt sein“ kommen wir bestimmt nicht ans Ziel. Weder heute noch zukünftig. Aber wie dann?

Woran wir wirklich scheitern

Woran wir wirklich scheitern, daran erinnerte mich vor kurzem ein kluger Kopf. 25 Jahre jung, und für sein Alter ganz schön weise: mein kleiner Bruder. Vor einigen Wochen war ich ziemlich mit den Nerven zu Fuß. Gründe dafür gab es viele. Ich hatte mit über 30 beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen: Ich hatte meinen Job gekündigt, eine Führungsposition abgelehnt, meine Wohnung aufgegeben und das World Trust Project gegründet. Mehr als 350 Interviewpartner wollte ich in neun Ländern weltweit befragen, und war für die Reisezeit wieder zu meinen Eltern zu gezogen. Die Website war gerade im Aufbau, zahlreiche Interviews wollten ausgewertet werden und die Termine für die bevorstehende Buchmesse zerrten an meinen Nerven. Und das war nur die Spitze des Eisbergs. Ich hatte damals das Gefühl, mir wächst das gerade alles über den Kopf. Die Organisation, das Reisen, der Umzug, die Buchmesse. Und nicht zuletzt die besondere Herausforderung, mit über 30 wieder bei meinen Eltern zu wohnen. Nichts für schwache Nerven, wie ich feststellen musste. Für beide Seiten.

Da stand ich nun und war den Tränen nahe. Und das, obwohl ich doch gerade meinen Traum lebte. Ich hatte mir das schließlich ausgesucht. Alles daran gesetzt, diesen Weg zu gehen. Und doch wollte sich das Glücksgefühl nicht so richtig einstellen. Irgendwie paradox. Mein Bruder, der meine innere Zerrissenheit an diesem Nachmittag bemerkte, legte seinen Arm um mich und sagte: „Schwesterchen, wir scheitern nicht an unseren Herausforderungen, sondern nur an unseren eigenen zu hohen Ansprüchen.” Und er hatte Recht, damals wie heute. Wir scheitern meist nicht an der Herausforderung selbst, sondern an dem, was wir von uns und anderen diesbezüglich erwarten. Und genau so war es auch mit meinem ersten Blogartikel.

Das richtige Maß finden

Und was genau hat das jetzt mit Vertrauen zu tun? Eine ganze Menge! Denn: Vertrauen bedeutet den Mut zu haben, sich verletzlich zu zeigen. Eben nicht perfekt zu sein, stattdessen aber herrlich authentisch. Zu seinen Macken zu stehen und zu akzeptieren, dass wir nicht in allem richtig gut sein können, geschweige denn perfekt. Was wir aber sein können ist, jeden Tag ein bisschen besser zu sein als gestern. Das ist ein Anspruch, der nicht nur Sinn macht, sondern auch Mut macht und Vertrauen stiftet. Denn dieser Anspruch hat einen wesentlichen Vorteil: Er ist realistisch. Statt uns zu fragen, ob etwas perfekt ist, sollten wir uns besser fragen, ob etwas „gut genug“ ist. Denn das ist ein Maßstab, den wir leichter erreichen und der mit uns und unseren Fähigkeiten langsam wachsen kann. Statt uns zu fragen „Bin ich die perfekte Mutter?“ sollten wir uns besser fragen „Bin ich als Mutter gut genug?“ Statt uns zu fragen „Bin ich der perfekte Kollege?“ sollten wir uns besser fragen „Bin ich als Kollege gut genug?“ Und wem die Antwort darauf schwer fällt, der sollte einfach mal Menschen fragen, die das oft besser beurteilen können, als wir selbst: der eigene Partner, Freunde, Kinder oder auch Kollegen. Denn die sind oft viel gnädiger mit uns, als wir es selbst sind.

Vertrauen ist wie ein Muskel

Warum diese Denkweise hilft? Vertrauen ist wie ein Muskel, denn es lässt sich trainieren. Alles was wir dazu brauchen ist etwas Übung, ein bisschen Zeit und einen realistischen Anspruch an uns selbst. Mit dem richtigen Maß gelingt es uns leichter, mit einem Ergebnis zufrieden zu sein – und ein Erlebnis als erfolgreich für uns zu verbuchen. Das wiederum erhöht des Spaßfaktor und erleichtert es uns, die nächste Herausforderung gestärkt und mutig anzunehmen. Auf diese Weise trainieren wir von Mal zu Mal unseren Vertrauensmuskel. Die Folge: Wir gewinnen an Selbstsicherheit, stärken unser Selbstvertrauen und meistern leichter die Herausforderungen unseres Alltags. Woran Sie das merken? Sie lesen gerade meinen ersten, nicht perfekten aber authentischen Blogartikel. War gar nicht so schwer – mit dem richtigen Maßstab 😉

Überlegen Sie gerne mal: Wo würde auch Ihnen ein „gut genug“ helfen, leichter ins Handeln zu kommen? Welche Aufgabe könnten Sie dann endlich erledigen? Und was würde sich dadurch verändern?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare!