Was wäre, wenn es einen vielversprechenden Weg gäbe, wie wir mehr Vertrauen und Geborgenheit erfahren? Wenn dieses Mittel gleichzeitig Angst hemmen, Freundschaften stärken, Stress reduzieren und so für mehr Glück und Zufriedenheit sorgen könnte? Gäbe es einen Markt dafür? Und was wären wir bereit dafür zu zahlen?

Vorab die gute Nachricht: Dieses Mittel gibt es gratis. Es heißt Oxytocin. Oxytocin ist ein Hormon, dass im menschlichen Körper gebildet wird. Es hilft uns, liebevolle und vertrauensstarke Beziehungen aufzubauen, indem es uns offener für Neues macht. Und nicht nur das. Dieses Hormon lässt uns darüber hinaus körperliche Nähe zu anderen als angenehm empfinden. Deshalb wird es auch gerne als „Bindungs-“ oder „Kuschelhormon“ bezeichnet.

Als ich vor etwa 3 Jahren das erste Mal von Oxytocin erfahre, bin ich verblüfft. Hält dieser Stoff wirklich, was die Wissenschaft verspricht? Kann er Beziehungen intensivieren, Rücksicht stärken, Geschäftsverhandlungen erleichtern und Stress reduzieren? Und das sind nur einige Aussagen über dieses scheinbare Wundermittel. Wir werfen einen Blick in die aktuelle Forschung.

Das Allroundtalent

Derzeit untersuchen weltweit mehrere Forschungsteams die Wirkung des Hormons auf das menschliche Verhalten. Dazu wird der Stoff meist künstlich hergestellt und den Probanden in Form von Nasenspray verabreicht. Deutschland ist so etwas wie das Zentrum für Oxytocin und hat in den vergangenen Jahren interessante Erkenntnisse zu Tage gefördert. Etwa, dass es für die Behandlung von Autismus wirksam sein, soziale Angsterkrankungen mildern und die sexuelle Lust von Frauen steigern könnte. Oxytocin scheint also ein echtes Allroundtalent zu sein.

Was aber haben diese und weitere Einsatzfeldern gemeinsam? Sie alle fußen auf derselben Erkenntnis: Oxytocin macht uns empfänglicher für zwischenmenschliche Reize und fördert die Entstehung von Vertrauen.

Die Einsatzmöglichkeiten des Botenstoffs gehen somit weit über den privaten Bereich hinaus. Bruno Frey, ehemals Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich, fand in eine Studie beispielsweise Folgendes heraus: Oxytocin erhöht die Bereitschaft, Risiken einzugehen, sich kooperativ zu zeigen und anderen zu vertrauen. Es könnte somit dazu beitragen, Verhandlungen zwischen Geschäftspartnern, Politikern und ganze Nationen fairer und partnerschaftlicher zu gestalten, oder?

Ob dem so ist, lässt sich derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. Wohl aber, dass Oxytocin allein nicht das Allheilmittel ist. Denn um seine Wirkung zu entfachen, braucht es bestimmte Rahmenbedingungen. Dazu zählt auch, intensiv mit anderen im Kontakt zu sein. Robinson Crusoe hätte von seiner Wirkung also wenig profitiert.

Natürliche Quellen 

Und wo spüren wir die Wirkung des Kuschelhormons im Alltag? Die herzliche Umarmung einer Freundin, der tiefe Blick in die Augen eines lieben Menschen, das langsame Streicheln eines Hundes, eine entspannende Massage und auch beim Sex. All diese Situationen sorgen dafür, dass unser Körper Oxytocin ausschüttet.

Einige Studien weisen sogar darauf hin, dass der Verzehr von Bananen, Eiern und Pfeffer seine Produktion anregen soll. Allerdings müssten wir dann so viel davon essen, dass uns am Ende vermutlich schlecht wäre, um eine spürbare Wirkung zu erreichen. Und was nützt uns ein gutes Gefühl im Kontakt mit anderen, wenn wir gleichzeitig mit Bauchschmerzen das Sofa hüten …

Das Bindungshormon

Wie genau wirkt Oxytocin denn nun auf unser Verhalten? Es sorgt dafür, dass wir uns geborgen fühlen, zwischenmenschliche Nähe genießen und sich unser Angst-und Stresspegel senken. Wir werden offener für Berührungen, empfinden sie als angenehmer und sehnen uns regelrecht danach. Das Hormon versetzt unseren Körper in eine Art „Kuschelmodus“. In diesem Zustand sind wir nicht nur anhänglich, suche Nähe und genießen Zweisamkeit. Wir sind auch eher kompromissbereit und ausgeglichen. Oxytocin fördert somit nicht nur unser Vertrauen als solches, sondern auch Situationen, die die Entstehung von Vertrauen begünstigen.

Tipps für den Alltag

Müssen wir nun ständig andere Menschen umarmen, um an dieses Wundermittel zu kommen? Nein, das geht auch anders …

Hier drei Tipps, wie wir durch die Steigerung unseres Oxytocin-Spiegels mehr Geborgenheit und Zufriedenheit spüren und unsere Fähigkeit zu vertrauen stärken:

1. Zeige ehrliches Interesse

Interessiere dich aufrichtig dafür, was deinen Gegenüber gerade bewegt. Nimm dir Zeit und sei gedanklich ganz bei ihm. Woran du merkst, dass du dich noch steigern kannst: Du schreibst Mails, während du telefonierst, du blickst in Gesprächen ständig aufs Handy und du wartest sehnsüchtig auf die Gesprächspause deines Gegenübers, um endlich deine Themen loszuwerden.

Wie du ehrliches Interesse zeigen kannst? Höre aufmerksam zu, frage interessiert nach und vermeide Ablenkungen wie Handy, Fernsehen und Co. Wenn du so handelt, wirst du dafür mit Oxytocin belohnt und dich stärker mit deinem Gegenüber verbunden fühlen. Und am Ende wirst du verblüfft sein, wie viel zufriedener dich solche Gespräche machen.

2. Lache mehr

Lachen ist die beste Medizin. Eine uralte Volksweisheit mit wahrem Kern. Wer mehr lacht, fühlt sich gesünder, fröhlicher und zufriedener. Und wenn du gemeinsam mit anderen lachst, beschenkst du deinen Körper mit einer Extraportion Oxytocin. Dein Stresspegel sinkt, du entspannt dich, bist zufriedener und fühlst dich deinem Gegenüber stärker verbunden. Denn nicht nur in Asien gilt „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln“.

3. Sage anderen, dass du sie gern hast

Wir alle brauchen Nähe, Geborgenheit und Verbundenheit, um glücklich zu sein. Warum tun wir uns dann häufig so schwer damit, Sätze wie „ich mag dich“ und „ich liebe dich“ auszusprechen? Weil es ungewohnt ist? Weil wir uns damit verletzlich machen? Weil wir Angst haben, dass der andere uns nicht so mag wie wir ihn? Stell dir vor, alle würden so denken? Dann hätte die Welt vermutlich noch nie ein „Ich liebe dich“ gehört …

Wie bei vielem im Leben ist es auch bei Nähe nicht anders: Einer muss den ersten Schritt machen. Und ist der getan, fallen alle weitere Schritte leichter. Gönne dir einfach als gutes Vorbild voranzugehen und beobachte, wie dir andere folgen.

Warum es sich also lohnt, deinen Oxytocin-Spiegel zu pushen? Und zwar ganz ohne Chemiebombe und Pillen?

Du wirst dich stärker verbunden fühlen, mehr Vertrauen genießen, weniger Angst spüren und dich geborgen fühlen. Und das sind die wesentlichen Voraussetzungen für ein erfülltes und glückliches Leben. Also, womit fängst du an?