Angekommen. Gerade fährt mein Zug am Bahnhof von Zürich ein. Sechs Stunden Fahrt liegen hinter mir. Neun Tage Schweiz liegen vor mir … Schon im Vorfeld stelle ich fest, dass ich bisher wenig über das bergige Land an der Grenze zu Deutschland weiß. Und das möchte ich ändern …

Typisch Schweiz?!

Zurückhaltend, höflich und bescheiden. Das sollen die Schweizer sein. So zumindest steht es in meinem Reiseführer und auf verschiedenen Reiseblogs, die ich im Vorfeld studiere. Schließlich will ich mich vorbereiten: Auf die Schweizer und ihre Kultur. Denn Deutsche sollen hier nicht immer willkommen sein. Auch das höre ich im Vorfeld immer wieder. Von Freunden, die schon da waren. Von Menschen, die aus Deutschland hergezogen sind. Und von Auswanderern, die irgendwann das Heimatland der Schokolade gegen Deutschland eingetauscht haben.

Doch wie sieht die Realität aus? Wie ist das Verhältnis von Schweizern zu uns Deutschen? Das frage ich vor Antritt meiner Reise jemanden, der es wissen muss: Frederic. Frederic ist Deutscher, Wahl-Züricher und lebt seit 10 Jahren in der Schweiz. „Weißt du, Eva. In der Schweiz sind alle willkommen. Auch wir Deutschen. Wir sind nur nicht sonderlich beliebt.“

Eine Aussage, die mich neugierig macht. Das frage ich mich auf meiner Reise immer wieder. Gleichzeitig möchte ich unseren Nachbarn zeigen, dass wir eigentlich ein ganz sympathisches Völkchen sind. Ob da der Deutsche Ehrgeiz durchkommt? Vielleicht.

Herausforderung: Vertrauen gewinnen

Gegen die vorhandenen Vorurteile anzuarbeiten, ist sicher nicht einfach. Das kennst du vielleicht aus eigener Erfahrung. Wenn Leute dich erst einmal in eine Schublade gesteckt haben, dann kommst du da so schnell nicht wieder raus. Meine besondere Herausforderung in punkto Schweizer Schubladen: Mit vielen meiner Interviewpartner spreche ich zum ersten Mal. Im besten Fall gibt es ein paar E-Mails oder ein Telefonat im Vorfeld. Auf dieser Weise schnell Vertrauen aufzubauen, ist mehr als herausfordernd. Mir bleibt also letztendlich nur das Gespräch selbst, um zumindest das Basisvertrauen meiner Interviewpartner zu gewinnen. Denn das brauche ich, um ehrliche Antworten zu bekommen. Mir scheint, das wird nicht einfach. Aber das hat mir ja auch vorher niemand gesagt. Ich nehme also die Herausforderung an und bereite mich auf den Kulturwechsel vor. Mein Plan ist folgender:

Für meine Interviews werde behutsam vorgehen. Die landestypischen Fettnäpfchen vermeiden. Nicht zu direkt auftreten. Nicht zu forsch sein. Denn das, so höre ich immer wieder, mögen die Schweizer an uns Deutschen gar nicht. Was mir entgegen kommt: Die leise, zurückhaltende Art liegt mir ohnehin mehr als ein „Jetzt komm‘ ich!“. Deshalb bin ich zuversichtlich, schnell mit der Schweizer Kultur warm zu werden und eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Denn beides ist wichtig, wenn ich etwas über unsere Nachbarn und ihre Einstellung zu Vertrauen erfahren möchte. Wenn ich Wert auf Antworten lege, die nicht an der Oberfläche bleiben. Wenn mir ein Blick hinter die Kulissen der Schweizer Mentalität wichtig ist. Denn nur dann werde ich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit meinem Heimatland wirklich verstehen.

„Versuchen Sie als Deutscher auf keine Fall Schwiizerdütsch zu sprechen! Ein absoluter Fauxpas!“ Das ist nur einer der vielen Tipps, die mir bei meiner Recherche im Netz begegnen. Denn den kläglichen – wenn auch nett gemeinten – Versuch, sich der Landessprache anzupassen, empfinden viele Schweizer als anmaßend. Hier gilt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Deshalb verabschiede ich mich von der Idee, mich auch sprachlich anzupassen. Stattdessen entscheide ich mich, auf meine offene und freundliche Haltung zu vertrauen. Ein freundliches Bitte und Danke, ehrliches Interesse an meinem Gegenüber und eine neugierige Haltung passen ohnehin deutlich besser zu mir. Deutlich besser, als ein unbeholfener Dialekt.

Wo Vertrauensfallen lauern

Auf meinem Weg vom Bahnhof zu meiner Unterkunft halte ich an einer Kaffeebar. Auf einem Schild am Eingang prangt der Hinweis „Selbstbedienung“. Während ich in der Schlange vor der Theke warte, beobachte ich die vorbeilaufenden Passanten. Auf den ersten Blick scheinen mir die Schweizer gar nicht so anders als die Deutschen. Modisch gekleidet, beschäftigt, in Eile und das Handy am Ohr. Nur wenige, die sich tatsächlich unterhalten. Ein bisschen erinnert mich mein erster Eindruck an deutsche Großstädte: Schnell, hektisch, anonym und multikulturell.

„Grüetzi. Ein‘ Kaffee bitschön.“ Ich lausche ich einem Gespräch vor mir an der Theke. Eine Frau, mit unverkennbarem Schweizer Dialekt, wird von der Barista freundlich begrüßt. Freundlich, ja. Höflich, auch. Aber herzlich? Ich erwische mich dabei, nach Belegen für das zu suchen, was wir Deutschen den Schweizer oft nachsagen: Sie seinen höflich, gemächlich und distanziert. Und ich ertappe mich selbst dabei, gerade das zu tun, wovon ich mir auf Schweizer Seite weniger wünsche: Vorurteile.

Vielleicht kennst du das? Du bist auf einer Party, hast schon einiges über eine Person auf der Gästeliste gehört, die du nicht persönlich kennst und plötzlich steht sie vor dir. Dich dann von dem zu lösen, was du vermeidlich schon über sie weißt, ist gar nicht so einfach. Vorurteile verengen deinen Blick und machen dich blind für ein echtes Kennenlernen. Du beginnst nach Hinweisen für das zu suchen, was du bereits von anderen über sie weißt. Deine Vorurteile wirken in diesem Moment wie Scheuklappen, die dich vielleicht das Beste verpassen lassen. Und genau so geht es mir bei meiner Begegnung mit den ersten Schweizern: Ich spüre meine Scheuklappen. Und ich will nicht das Beste verpassen …

Aus meiner Tätigkeit als Trainer und Coach weiß ich: Vorteile, das berühmte Denken in Schubladen, sind äußerst hinderlich, wenn du jemanden wirklich kennenlernen und Vertrauen schaffen willst. Weil du dann nicht richtig hinschaust. Weil du dann eher geneigt bist, nur das wahrzunehmen, was in deine Schubladen passt. Das Traurige daran: Auf diese Weise nimmst du dir selbst die Chance, jemanden wirklich kennenzulernen. Und genau das möchte ich: Die Schweizer kennenlernen. Verstehen, was sie ausmacht. Erfahren, was bewegt. Und mir ist klar: Mit meinem Schubladendenken komme ich an dieser Stelle nicht weit …

Wie Vertrauen gelingt

Wie sagt man so schön: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Deshalb beschließe ich, mein Schweizer Halbwissen hinter mir zu lassen und mich unvoreingenommen auf die Suche zu machen: Wer sind die Schweizer? Was macht sie aus? Und natürlich: Wie sieht es hier zu Lande mit dem Thema Vertrauen aus?

Eines kann ich dir an dieser Stelle bereits verraten: Es lohnt sich! Anderen offen zu begegnen. Die Neugier-Brille aufzusetzen. Echtes Interesse zu zeigen. Denn das, so meine Erfahrung aus mehr als 170 Interviews weltweit, hilft dir nicht nur, Menschen wirklich kennenzulernen. Es ermöglicht dir auch, in kurzer Zeit Vertrauen zu gewinnen.